Eingebürgerte Bromelienarten [Florenverfälschung]

Hier können die neuesten Themen aus Forschung und Wissenschaft diskutiert werden, Beschreibungen neuer Arten oder auch neue Literatur.
Antworten
Benutzeravatar
Charles Dawkins
Beiträge: 63
Registriert: Freitag, 17 April 2015, 11:17
Wohnort: Marburg

Eingebürgerte Bromelienarten [Florenverfälschung]

Beitrag von Charles Dawkins » Montag, 1 Juni 2015, 16:46

Weltweit werden ja bekanntlich massenhaft Pflanzen verschleppt und einige davon bürgern sich in neue Lebensräume ein. Von diesen eingebürgerten Arten werden oft auch manche Arten invasiv.

Auch wenn andere Pflanzenfamilien deutlich mehr Arten besitzen die sich einbürgern oder gar invasiv werden, so kann man diese Entwicklung durchaus auch bei den Bromelien beobachten.

Besonders günstige Bedingungen für die Besiedelung durch Bromelien bieten z.B. Inseln wie Hawaii.
Aufgrund ihrer Abgeschiedenheit gelangten nie Bromeliengewächse auf diese Inselkette, dabei bieten die Inseln ideale Lebensbedingungen für viele Arten.

Selbst Bestäuber für vogelbestäubte Bromelien finden sich auf den Inseln mit den endemischen Kleidervögeln (inzwischen leider sehr selten) und dem eingebürgerten Japanbrillenvogel (Zosterops japonicus), die auch gerne Blüten besuchen.

Auf den Inseln wurden hunderte Pflanzenarten (und damit verbunden auch viele Schädlinge/Pilze) eingeschleppt die mit den einheimischen Arten konkurrieren, und so die die fragile heimische Vegetation nachhaltig vernichten. Die führte und führt auch aktuell noch zum Aussterben endemischer Pflanzen.

---

Es wurden mittlerweile viele Bromelienarten als Zier- oder Nutzpflanzen vom Menschen nach Hawaii eingeführt, davon sind mittlerweile mehrere Spezies fest eingebürgert. Bislang verhält sich noch keine der Arten invasiv.

Es bleibt zu hoffen, dass die epiphytischen Bromelienarten auf Hawaii keine anderen Arten verdrängen, sondern als Epiphyten eine ökologische Nische nutzen die bislang nur wenig besetzt war.

Von Andreas Böker konnte ich erfahren das auch auf den Kanaren einige Tillandsien aus der Kultur 'entwischt' sind.

Wenn ihr mehr Informationen/Fotos habt zu Bromelien in der Natur abseits ihrer natürlichen Verbreitungsgebiete, dann könnt ihr dies hier gerne posten!

Quellen:

http://hbs.bishopmuseum.org/pubs-online/pdf/op107p3.pdf - Bromelien ab Seite 6.
http://botany.si.edu/pacificislandbiodiversity/hawaiianflora/result.cfm?commonyes=x&genus=tillandsia
"Unser Leben ist so sinnvoll, so ausgefüllt und großartig, wie wir selbst es gestalten. Und wir können es wirklich großartig gestalten." - Richard Dawkins

Benutzeravatar
Berlinickerin
Beiträge: 124
Registriert: Sonntag, 8 März 2015, 21:04
Wohnort: Heidelberg

Re: Eingebürgerte Bromelienarten [Florenverfälschung]

Beitrag von Berlinickerin » Montag, 1 Juni 2015, 21:14

Ui, spannendes Thema! Danke fürs Recherchieren, Charles. Ich würde denken, dass Tillandsien im Allgemeinen zu langsam wachsen, um bestehende Flora massiv zu verdrängen?

Viele Grüße
Jule

Benutzeravatar
Charles Dawkins
Beiträge: 63
Registriert: Freitag, 17 April 2015, 11:17
Wohnort: Marburg

Re: Eingebürgerte Bromelienarten [Florenverfälschung]

Beitrag von Charles Dawkins » Montag, 1 Juni 2015, 23:08

Hallo Jule,

Tillandsien und andere Bromelien besiedeln als Epiphyten einen Lebensraum der im Beispiel Hawaii nur von relativ wenigen einheimischen Arten wie z.B. Peperomien (Peperomia) und diversen Farnen besetzt wird.
Die eingeführten Arten haben im neuen Lebensraum nichtmehr ihre Fraßfeinde und pilzliche Erkrankungen, denen sie in ihrer Heimat ausgesetzt sind. Somit haben sie durchaus Standortvorteile und könnten invasiv werden.

Natürlich, bei den allermeisten Bromelien scheitert dies. Die meisten Bromelien sind auch auf Fremdbestäubung angewiesen, brauchen also um mindestens zwei Klone um Samen auszubilden. Kurzfristig werden sich also wohl zuerst insbesondere Bromelien verbreiten, bei denen Selbstbestäubung vorkommt.
Aber wie man aus den Beispielen erkennen kann, können bereits heute einige Arten so häufig werden, dass sie darunter liegenden Pflanzen das Licht wegnehmen und Äste bzw. ganze Bäume zum kollabieren bringen.

Bromelien sind in Anbetracht der extremen Umweltprobleme welche von den anderen eingeschleppten Pflanzen- und Tierarten resultieren wohl bislang ein eher geringes Problem. Aber man sollte es genau im Auge behalten, nicht dass es wie bei vielen anderen verschleppten Pflanzen irgendwann völlig außer Kontrolle gerät.

Gruß,
Kai
"Unser Leben ist so sinnvoll, so ausgefüllt und großartig, wie wir selbst es gestalten. Und wir können es wirklich großartig gestalten." - Richard Dawkins

Benutzeravatar
Berlinickerin
Beiträge: 124
Registriert: Sonntag, 8 März 2015, 21:04
Wohnort: Heidelberg

Re: Eingebürgerte Bromelienarten [Florenverfälschung]

Beitrag von Berlinickerin » Dienstag, 2 Juni 2015, 7:58

Hallo Kai,

also wenn ich mir zu meine Peperomien angucke, die wachsen aber viel schneller. Um nicht zu sagen, sie wuchern. :roll: Du hast aber natürlich völlig Recht, das fehlende Fressfeinde usw. dennoch einen unfairen Vorteil im neuen Lebensraum bedeuten können. Und also kann ich Dir hier nur zustimmen:

Charles Dawkins hat geschrieben:Bromelien sind in Anbetracht der extremen Umweltprobleme welche von den anderen eingeschleppten Pflanzen- und Tierarten resultieren wohl bislang ein eher geringes Problem. Aber man sollte es genau im Auge behalten, nicht dass es wie bei vielen anderen verschleppten Pflanzen irgendwann völlig außer Kontrolle gerät.

Wäre wirklich schön, wenn wir Menschen in diesen Dingen mal grundsätzlich dazulernen würden. :ewall

Viele Grüße
Jule

Harro
Beiträge: 68
Registriert: Sonntag, 12 August 2012, 11:52

Re: Eingebürgerte Bromelienarten [Florenverfälschung]

Beitrag von Harro » Montag, 8 Juni 2015, 0:23

Hallo,
was für Fressfeinde der Bromelien gibt es denn in den Heimatländern ?
Ich kenne nur 2, wovon ich einen als sehr eingeschränkt bezeichnen würde. Außerdem kommt er nicht massenhaft vor.
Harro

Benutzeravatar
Charles Dawkins
Beiträge: 63
Registriert: Freitag, 17 April 2015, 11:17
Wohnort: Marburg

Re: Eingebürgerte Bromelienarten [Florenverfälschung]

Beitrag von Charles Dawkins » Montag, 8 Juni 2015, 16:16

Hallo Harro,

ich bin zwar kein Entomologe, aber ich habe z.B. vom Mexikanischen Bromelienkäfer (Metamasius callizona) gelesen. Ich würde darauf wetten das es noch deutlich mehr Insektenarten gibt die Bromelien befallen, alles andere wäre sehr ungewöhnlich.

Eine kurze Googlesuche zeigt dann auch, dass es doch so einige Schadorganismen bei Bromelien gibt:

- Die Gattung Metamasius umfasst über 100 beschriebene Arten, die jedoch nicht alle Bromelien befallen.
Allerdings gibt es andere bekannte Arten die ebendies tun, wie z.B. Metamasius mosieri, dem Florida-Bromelienkäfer.

- Alleine für die gut erforschte Ananas gibt es eine ganze Liste von Krankheiten und Schädlingen:

http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_pineapple_diseases

- Eine relativ unvollständige Liste gibt es auch noch ganz allgemein für die Bromeliengewächse:

http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_foliage_plant_diseases_(Bromeliaceae)

- Daneben gibt es z.B. eine ganze Publikation nur zu den Rostpilzen der Bromeliaceae: The Rust Fungi of Bromeliaceae; George B. Cummins and Flora G. Pollack; Mycologia; Vol. 66, No. 3 (May - Jun., 1974), pp. 533-536

Insgesamt denke ich, dass es viele Arten gibt die Bromelien in ihren Heimatgebieten schädigen, auch wenn diese Schäden nicht immer so ins Auge fallen wie die Schäden durch M. callizona. Diese fallen allerdings auch nur in Gebieten in denen der Käfer eingeschleppt wurde dramatisch aus. Der Käfer ist eine invasive Art, und bei ihm ist es dasselbe.

Die Bromelien in den Gebieten in denen er eingeschleppt wurde sind ihm relativ schutzlos ausgeliefert, und auch ihm fehlen Fressfeinde (z.B. Lixadmontia spp.) aus seinem ursprünglichen Lebensraum.

http://entnemdept.ufl.edu/creatures/orn/m_callizona.htm

http://www.jstor.org/stable/4092431?seq=1#page_scan_tab_contents

Fallen die Schäden durch die Schadorganismen ihrer Heimat aus, so haben die als gesunde Zierpflanzen ohne Schädlinge eingeführten Arten natürlich Vorteile gegenüber den heimischen Arten. Denn diese tragen ja ihre Schadorganismen bei sich.
"Unser Leben ist so sinnvoll, so ausgefüllt und großartig, wie wir selbst es gestalten. Und wir können es wirklich großartig gestalten." - Richard Dawkins

Harro
Beiträge: 68
Registriert: Sonntag, 12 August 2012, 11:52

Re: Eingebürgerte Bromelienarten [Florenverfälschung]

Beitrag von Harro » Dienstag, 9 Juni 2015, 23:27

Rostpilze usw. sind doch wohl etwas anderes als Fressfeinde. Es sind Schädlinge. Sie schädigen die Pflanze, aber fressen sie diese ?
Harro

Benutzeravatar
Charles Dawkins
Beiträge: 63
Registriert: Freitag, 17 April 2015, 11:17
Wohnort: Marburg

Re: Eingebürgerte Bromelienarten [Florenverfälschung]

Beitrag von Charles Dawkins » Mittwoch, 10 Juni 2015, 5:44

Hallo Harro,

nein natürlich nicht.

Jule meinte mit
fehlende Fressfeinde usw.


wohl wie auch ich generell alle Organismen welche die Bromelien in der Natur schädigen.
Dazu zählen nicht nur Tiere die Bromelien fressen.

Ich hatte vorher auch von Fressfeinden und Pilzen gesprochen.
Korrekter wäre es auch bei mir gewesen generell von jeglichen Schadorganismen zu sprechen.

Der Bestand einer Art in der Natur wird üblicherweise durch viele verschiedene Organismen negativ beeinflusst, zum Beispiel durch reduzierte oder beschädigte Blattmasse, zerstörte Samenanlagen, verstopfte Leitungsbahnen, Schädigung des Wurzelwerks. All dies führt zum Absterben- oder einer geringeren Vitalität der Pflanzen.

Gruß,
Kai
"Unser Leben ist so sinnvoll, so ausgefüllt und großartig, wie wir selbst es gestalten. Und wir können es wirklich großartig gestalten." - Richard Dawkins

Benutzeravatar
Berlinickerin
Beiträge: 124
Registriert: Sonntag, 8 März 2015, 21:04
Wohnort: Heidelberg

Re: Eingebürgerte Bromelienarten [Florenverfälschung]

Beitrag von Berlinickerin » Mittwoch, 10 Juni 2015, 8:12

Charles Dawkins hat geschrieben:Jule meinte mit
fehlende Fressfeinde usw.


wohl wie auch ich generell alle Organismen welche die Bromelien in der Natur schädigen.
Dazu zählen nicht nur Tiere die Bromelien fressen.


Meinte sie. :)

Ich bin aber doch baff erstaunt, dass Bromelien so wenig Fressfeinde im engeren Sinne haben. Das erklärt dann natürlich auch, wieso sie es sich leisten können, sich so gemächlich fortzufplanzen. Also im Vergleich natürlich zu anderen Pflanzen.

Viele Grüße
Jule

Benutzeravatar
Charles Dawkins
Beiträge: 63
Registriert: Freitag, 17 April 2015, 11:17
Wohnort: Marburg

Re: Eingebürgerte Bromelienarten [Florenverfälschung]

Beitrag von Charles Dawkins » Mittwoch, 10 Juni 2015, 15:30

Hallo Jule,

Berlinickerin hat geschrieben:Ich bin aber doch baff erstaunt, dass Bromelien so wenig Fressfeinde im engeren Sinne haben. Das erklärt dann natürlich auch, wieso sie es sich leisten können, sich so gemächlich fortzupflanzen. Also im Vergleich natürlich zu anderen Pflanzen.


Ein wichtiger Fressfeind ist mir noch eingefallen, ein großes Säugetier:
Pineapple.gif
Pineapple.gif (1.77 KiB) 1520 mal betrachtet

Dass die Fressfeinde wahrscheinlich tatsächlich im Vergleich zu anderen Pflanzenfamilien weniger zahlreich sind hat mehrere Gründe. Viele Arten besitzen relativ festes, oft mit Wachsen überzogenes Laub, oder sind dicht mit Trichomen besetzt. Viele Arten, insbesondere aus Trockengebieten sind auch bestachelt.
Sicher verfügen sie auch über biochemische Abwehrstoffe, aber da müsste ich erst darüber recherchieren.

Das Bromelien generell langsam wachsen oder sich langsam vermehren kann man wohl nicht verallgemeinern. Es gibt durchaus schnellwüchsige, sehr fruchtbare Arten.
Eine graue Tillandsie aus einem trockenem, kaltem Hochgebirge wird sich da natürlich ganz anders verhalten, quälend langsam wachsen und erst nach viele Jahren ihren Blütenstand ausbilden.

Vor allem in nährstoffarmen Umgebungen scheinen Bromelien im Vergleich zu anderen Pflanzenfamilien aber besonders durchsetzungsfähig zu sein, darum sind sie in solchen Lebenräumen besonders zahl- und artenreich.

Dort scheinen die Bromelien unter anderem aufgrund ihrer sehr effizienten Nährstoffaufnahmestrategien im Vergleich zu anderen Arten auch Wachstums- bzw. Vermehrungsvorteile zu besitzen.

Die in Hawaii eingebürgerte Guzmania lindenii z.B. scheint im neuen Lebensraum alles andere als langsamwüchsig zu sein, auch ist sie sehr fruchtbar. Und das obwohl sie in ihrem natürlichen Lebensraum nicht häufig ist.

over 150 plants of all size classes were observed, mostly growing epiphytically,
occasionally forming dense coverings on tree branches. Four mature plants were found,
all growing on or near ground level, each weighing roughly 20 pounds.
It is possible that plants were weighing down branches, ending up on the ground by the time they were
mature. Mature plants in this population were heavily set with fruits, and we estimate one
plant can produce greater than 30,000 seeds per inflorescence.


Gruß,
Kai
"Unser Leben ist so sinnvoll, so ausgefüllt und großartig, wie wir selbst es gestalten. Und wir können es wirklich großartig gestalten." - Richard Dawkins

Antworten